Wolfsnews

Pressemitteilung vom 15.06.2016
Abschussbewilligung für einen Wolf im Augstbordgebiet: Rudelbildung wird ignoriert
Die Abschussbewilligung für einen Wolf im Augstbordgebiet ist nach Ansicht der Gruppe Wolf Schweiz (GWS) klar widerrechtlich. Bedingt durch die Präsenz von weiblichen Wölfen, sollten nach den Vorgaben des Wolfskonzeptes bis 31. Juli keine Abschüsse getätigt werden. Überdies wird die wahrscheinliche Rudelbildung ignoriert, welche einen solchen Einzeltierabschuss im Sommer ohnehin verbietet. Das Verhalten der Wölfe liefert starke Indizien dafür, dass mittlerweile Welpen geboren wurden, denn der Rüde des Wolfspaares geht seit einigen Wochen alleine auf Jagd. Ein Wolfsabschuss würde zum jetzigen Zeitpunkt mit einiger Wahrscheinlichkeit das Vatertier treffen und damit den Versorger der noch jungen Wolfsfamilie. Für die Welpen wäre dies das Todesurteil.

Bedingt durch die Präsenz von zwei geschlechtsreifen weiblichen Wölfen und mindestens einem Rüden zur Ranzzeit im Augstbordgebiet, ist die Wahrscheinlichkeit für eine Reproduktion ausgesprochen hoch. Die Wurfzeit der Wölfe liegt im April und Mai, Welpen könnten also bereits geboren sein. Der Kanton steht bundesrechtlich eigentlich in der Pflicht, mittels eines Monitorings nachzuweisen, wie es um den Wolfsbestand steht und somit auch, ob eine Reproduktion stattgefunden hat. Weil die Walliser Politik nach Kräften ein solches Monitoring durch die Wildhut blockiert, hat die Gruppe Wolf Schweiz (GWS) in Eigenregie ein solches durchgeführt. Die jüngsten Daten (Fotofallenbilder) zeigen, dass der ansässige Wolfsrüde spätestens seit Ende Mai alleine auf die Jagd geht, was ein starkes Indiz dafür ist, dass das Weibchen mittlerweile in der Wurfhöhle Welpen zu versorgen hat. Mittlerweile wurden alle Fotofallen aus dem Gebiet entfernt.

Die wahrscheinliche Rudelsituation verbietet einen Wolfsabschuss zum jetzigen Zeitpunkt, sogar wenn die Schwelle der Schäden überschritten wäre. Möglich wäre nach Bundesrecht dann aber eine Regulierung des Rudels im Winter. In dem er jetzt einen Wolf zum Abschuss freigibt und damit die möglichen Welpen gefährdet, setzt der Kanton auf eine radikale und bundesrechtswidrige Einzellösung.


Auskünfte:
David Gerke, Präsident Gruppe Wolf Schweiz
Tel. 079 305 46 57, david.gerke@gruppe-wolf.ch


> Fotofallenaufnahme des Wolfsrüden von Anfang Juni 2016 im Augstbordgebiet

> Download der Medienmitteilung als pdf
> Medienbereich und Bildgalerie


Kasten 1
Ein Wolfsrudel am Augstbord?
Im Augstbordgebiet wurden seit vergangenem Winter drei verschiedene Wölfe genetisch nachgewiesen, zwei Weibchen (F14, F16) und ein Rüde (M59). Beide Weibchen sind seit Sommer 2014 in den Walliser Südtälern nachgewiesen und somit mindestens drei Jahre alt und deshalb geschlechtsreif. Beide waren im Winter 2016 zur Ranzzeit im Februar und März im Gebiet präsent. Möglicherweise sind neben M59 auch noch weitere Rüden präsent, denn noch im vergangenen Jahr wurde beispielsweise M46 nachgewiesen. Aufnahmen von Fotofallen, Spurenfunde im Schnee und genetische Untersuchungen zeigen, dass zumindest F14 und M59 als Paar gemeinsam unterwegs sind. Ob sich F16 ebenfalls mit einem Rüden zu einem Paar zusammengeschlossen hat, kann dagegen zum jetzigen Zeitpunkt nicht abschliessend beurteilt werden, auch wenn die Indizien dafür sprechen.

Die Präsenz von mindestens einem gegengeschlechtlichen Wolfspaar mit geschlechtsreifen Tieren zur Ranzzeit und die Präsenz eines weiteren geschlechtsreifen Weibchens lassen es als sehr wahrscheinlich erscheinen, dass es zu mindestens einer Reproduktion gekommen ist. Die Wurfzeit bei Wölfen wird in der Literatur mit März bis Mai angegeben, die Erfahrungen mit den Wölfen im Alpenraum von Frankreich und Italien (und beim Calandarudel auch aus der Schweiz) zeigen, dass die Wurfzeit in unserem Gebiet schwerpunktmässig in der ersten Maihälfte liegt. Sollte das Wolfspaar im Augstbordgebiet tatsächlich Nachwuchs gezeugt haben, ist dieser demnach bereits geboren worden.

Spurenfunde und genetische Resultate zeigen, dass F14 und M59 noch Ende April und Anfang Mai gemeinsam umher zogen und Nutztiere rissen. Dies legt nahe, dass zu diesem Zeitpunkt noch keine Welpen geboren wurden. Denn in den ersten Wochen nach der Geburt der Welpen verbringt das Muttertier die meiste Zeit in der Wurfhöhle, um den Nachwuchs zu versorgen. Zu dieser Zeit ist die Wolfsfamilie davon abhängig, dass das Vatertier sie mit Futter versorgt.

Fotofallenbilder zeigen, dass das Männchen M59 spätestens seit Ende Mai alleine unterwegs ist. Dies legt nahe, dass sich das Weibchen nun in der Wurfhöhle befindet und die Jungtiere versorgt.


Kasten 2
Herdenschutzzäune bilden eine Ausnahme
Seit Anfang April wurden im Augstbordgebiet rund 60 Nutztiere gerissen. Die bisherigen genetischen Resultate bestätigen Wölfe als Verursacher.

Die Risse ereigneten sich bisher bei rund 20 verschiedenen Angriffen auf rund 18 verschiedenen Weiden. Mit wenigen Ausnahmen kamen keine adäquaten Herdenschutzmassnahmen zum Einsatz. Nur eine einzige Herde wurde von einem Herdenschutzhund bewacht, der nicht nur alleine, sondern überdies auch jung und somit unerfahren war. Bei diesem Angriff wurden drei Schafe gerissen und ein viertes verletzt. Seit ein zweiter Hund in die Herde integriert wurde, kam es zu keinen weiteren Angriffen mehr. In mindestens zwei Fällen befanden sich die Tiere in ordnungsgemäss installierten und vollständig geschlossenen Flexinetzen von rund 110 cm Höhe. In den anderen Fällen hingegen waren die Tiere in Knotengitter-Zäunen, deren Zustand meist schlecht war. Rund die Hälfte der betroffenen Weiden mit Knotengitterzäunen war mit zusätzlichen Litzen verstärkt, jedoch in der Regel nicht nach Vorgaben von Bund und Kanton. Meist war nur eine Litze oberhalb des Knotengitters angebracht, während die bodennahe Litze fehlte. Letztere stellt aber nach den Richtlinien des Bundes und des praktischen Leitfadens des Kantons Wallis zum Herdenschutz eine Notwendigkeit dar.


Kasten 3
Zu Nutztier-Spezialisten gemacht
Die Rissserie im Augstbordgebiet im Frühjahr 2016 ist einmalig in ihrem Ausmass. Speziell ist insbesondere, dass bereits auf den Frühjahrsweiden gehäuft Schäden auftreten. Erklärt werden kann dies nicht mit der Anzahl der Wölfe, denn bereits in den Jahren 2014 und 2015 waren jeweils mehrere Wölfe präsent. Auch die wahrscheinliche Geburt von Welpen kann die Häufung von Rissen nicht erklären, denn Welpen fressen zum jetzigen Zeitpunkt weder Fleisch, noch können sie überhaupt jagen. Zwar ist der Futterbedarf des Weibchens aufgrund der Milchproduktion erhöht, aber nicht derart, dass sich damit die Schäden erklären lassen.

Es ist deshalb davon auszugehen, dass sich einzelne Wölfe im Augstbordgebiet auf die Erbeutung von Nutztieren spezialisiert haben und dass sie dabei insbesondere gelernt haben, wie man Zäune überwindet. Der Wolf vermeidet gewöhnlich, Zäune zu überspringen, sondern schlüpft meist unten durch. Bei der grossen Mehrheit der Zäune der betroffenen Weiden war ein solches durchschlüpfen möglich, weil keine bodennahen stromführenden Litzen vorhanden waren. In mindestens zwei Fällen, nämlich wo die Flexinetze vollständig und korrekt installiert wurden, scheint es aber wahrscheinlich, dass die Wölfe diese Zäune übersprungen haben. Es ist daher davon auszugehen, dass mindestens ein Wolf gelernt hat Zäune zu überspringen.

Erklärt werden kann dieses Lernverhalten mit der bisherigen Entwicklung des Zaunbaus im Augstbordgebiet, angefangen im Sommer 2015 auf der Moosalp. Die zu Beginn nicht vorhandenen Schutzzäune (es handelte sich um Weidezäune für die Schafe), die erst im Verlauf des Sommers Schritt für Schritt aufgerüstet wurden, haben den Wölfen vermutlich überhaupt erst diesen Lernprozess ermöglicht. Anfänglich waren die Zäune nicht geschlossen, die Wölfe mussten nur den Eingang suchen. Dann wurden sie zwar geschlossen, aber sie waren zu tief, hatten nur drei Litzen und auch bodennah fanden sich allerorts grosse Lücken, sprich es waren keine Herdenschutzzäune gemäss Richtlinien. Erst mit der Zeit wurden auch diese Lücken geschlossen, zudem wurde in vierter Draht gespannt. Diese Schritt-für-Schritt-Verstärkung der Zäune über mehrere Wochen hatte den Effekt, dass die Wölfe nicht plötzlich vor einigem richtigen Schutzzaun standen, sondern jeweils nur mit minimaler Kreativität die nächste Lücke finden mussten – und entsprechend dazu lernten. Das Lernverhalten dürfte sich im April 2016 auf den Frühjahrsweiden fortgesetzt haben, denn die ersten sieben Angriffe auf Schafherden des Jahres fanden allesamt auf Weiden statt, auf denen nicht verstärkte Knotengitter verwendet wurden. Die Wölfe konnten so schmerzlos lernen, wie man auch Knotengitter-Zäune überwinden kann. Der nächste Schritt, nämlich minimal verstärkte Knotengitter-Zäune und später auch Flexinetze zu überwinden, war da nicht mehr weit.


Kasten 4
Springende Wölfe – was nun?
Es spricht also einiges dafür, dass mindestens einer der Wölfe im Augstbordgebiet gelernt hat, über Zäune zu springen. Macht dies einen Abschuss notwendig oder gibt es Alternativen, um diese Verhaltensweise in Zukunft zu unterbinden? Insbesondere im Hinblick auf den erwarteten Nachwuchs scheint es durchaus wichtig zu sein, dass diese Verhaltensweise nicht weitergegeben wird.

Erfahrungen aus den Nachbarländern zeigen, dass springenden Wölfen dieses Verhalten durchaus wieder abgewöhnt werden kann. Erwähnt sei dazu das Beispiel des Rosenthal Rudels im deutschen Bundesland Sachsen. Dieses hatte 2015 gelernt, die üblichen 90cm-Flexinetze zu überspringen. Daraufhin wurden in der betroffenen Gegend die 90cm-Flexinetze mit Flatterbändern verstärkt, welche 20 bis 30 cm oberhalb des Netzes angebracht wurden. Durch diese Flatterbänder konnte das Überspringen von Zäunen umgehend gestoppt werden. In der Augstbordregion könnten dazu beispielsweise sog. Lappenzäune zum Einsatz kommen, welche besser wirken als reine Bänder und Drähte. Eine Alternative dazu ist der Einsatz von mehreren Herdenschutzhunden. Sind diese zusammen mit den Schafen in den Koppeln, bilden sie einen sehr zuverlässigen Schutz vor Wölfen. Ferner bieten sich auch weitere Vergrämungsmassnahmen wie Blinklampen an. Sobald die Abschreckung so gross ist, dass der Wolf gar nicht mehr gewillt ist, den Zaun zu überwinden, dürfte dies für einen Abbruch des Verhaltens führen. So wie der Wolf zuerst die Überwindung der Zäune mit einem Erfolgserlebnis (erfolgreiche Jagd) verbunden hat, so wird er nun Zäune mit der Abschreckung verbinden.

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