Wolfsnews

News vom 01.05.2017
Einschätzung der Abschussbewilligungen für den Wolf M75
Nach den Kantonen Graubünden und Tessin hat auch der Kanton St. Gallen den Wolf M75 zum Abschuss freigegeben - obwohl er dort noch gar nie nachgewiesen wurde. Die Abschussbewilligung stützt sich einzig auf Mutmassungen und vagen Interpretationen des Wolfsverhaltens. Das ist stossend und kaum im Sinne des Wolfskonzepts.

Der Abschuss von M75 wird durch die Gruppe Wolf Schweiz (GWS) nicht abgelehnt. Dieses Individuum hat wiederholt gezielt elektrifizierte Zäune überwunden, die Nähe von Ställen gesucht und ist sogar in diese eingedrungen. Dieses Verhalten ist tatsächlich nicht erwünscht und entspricht nicht dem üblichen Wolfsverhalten. Da es sich zudem nachweislich um bestimmtes Einzeltier handelt, kann einem Abschuss grundsätzlich zugestimmt werden.

Die Abschussverfügung des Kantons St. Gallen ist jedoch problematisch, denn anstelle von hard facts werden blosse Mutmassungen und vage Interpretationen des Wolfsverhaltens als Begründung angefügt. Es scheint alles andere als eindeutig, dass M75 für die Schäden bei Vermol ob Mels verantwortlich ist. In diesem Gebiet hält sich schon länger mindestens ein Einzelwolf auf, der ebenso für diese Schäden verantwortlich sein könnte. Das von den Behörden erwähnte ''zielgerichtete Verhalten'' beim Angriff von Mels kann theoretisch auch bei allen anderen Wölfe, die Risse in eingezäunten Herden verursachen, angefügt werden. Damit lässt sich aber letztlich jeder Riss einfach einem beliebigen Wolf anlasten, der zuvor schon durch Risse aufgefallen ist. Damit könnte theoretisch jeder Kanton, der in naher Zukunft Risse hat, diese einfach M75 anlasten und unkompliziert (ohne dass die Abschusskriterien auch in seinem Kantonsgebiet erfüllt sind) eine Abschussverfügung erlassen. Die Gefahr eines Missbrauches wäre hoch. Im April ist es beispielsweise auch im Tirol in Österreich sowie in den Bayerischen Alpen zu Rissen durch Wölfe gekommen, die ebenso gut wie jene im Kanton St. Gallen auf M75 zurückzuführen sein könnten.

Der Fall von M75 zeigt letztlich mehrere Dinge deutlich:

  • Abschussbewilligungen sind ein weitgehend untaugliches Instrument, um Konflikte mit Wölfen lösen zu können. Gerade junge, unerfahrene Einzelwölfe verursachen nachweislich oft grössere Schäden als Rudel. Ihr gezielter Abschuss ist aber beinahe unmöglich, da sie oft nicht territorial sind, sondern grossräumig wandern. Da ein solches Tier zum Zeitpunkt, wenn der Schaden bemerkt wird, oft schon weiter gezogen ist, ist ein gezielter Abschuss kaum möglich. Die Gefahr eines Fehlabschusses ist hingegen hoch. M75 ist bereits seit sechs Wochen zum Abschuss frei, ohne dass ein Abschuss gelungen wäre. Möglicherweise hat er in dieser Zeit aber weitere Schäden verursacht.
  • Der Wolf M75 zeigt, dass elektrifizierte Netze zwar oft, aber längst nicht immer als Herdenschutzmassnahme ausreichen. Insbesondere die handelsüblichen 90 cm hohen Netze sind gerade im Berggebiet äusserst grenzwertig und bringen isoliert angewendet oft wohl nur einen minimalen Schutz. Höhere Zäune wären daher zu empfehlen. Es ist deshalb sehr kritisch zu sehen, dass seitens des Bundes neuerdings 90 cm hohe Netze als Grundschutz anerkannt werden. Wir erachten das als eklatanten und unnötigen Fehler. Auffällig ist, dass M75 hingegen nie Herden mit Herdenschutzhunden angegriffen hat, obwohl solche in seinem bisherigen Streifgebiet zahlreich vorhanden gewesen sind. Dies zeigt die Effizienz von Herdenschutzhunden auf.
  • Der Fall M75 zeigt verschiedene Lücken im Wolfskonzept auf. Einerseits sieht dieses den Abschuss eines wandernden Wolfes quasi nicht vor, da die Definition eines Abschussperimeters verlangt wird. Dies wiederum ist durchaus nötig, um die Gefahr von Fehlabschüssen zu minimieren. Andererseits lässt das Konzept offenkundig zu, dass Abschussbewilligungen aufgrund von Vermutungen und Interpretationen erteilt werden anstallen von Fakten. Die Gefahr des Missbrauches durch Kantone besteht.
  • Fazit:
    Konflikte wie diejenige mit M75 lassen sich einzig mit einer weiteren Stärkung des Herdenschutzes vermindern. Abschüsse sind hingegen unpraktikabel.


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